Das Handlungskonzept
Kinästhetik in der Pflege
Von Stefan Knobel
Bewegungskompetenz als Grundlage
der Gesundheitsentwicklung
Gesundheitsentwicklung ist ein vielschichtiger
Prozess. Forschungen der Verhaltenskybernetik und der modernen Biologie
belegen die Annahme, dass menschliche Bewegung und die Erfahrung der eigenen
Wirksamkeit durch Bewegung dabei die grundlegende Rolle spielen. Spannung
und Entspannung von Muskelfasern dominieren letztlich sämtliche Funktionen
des Menschen:
- Die Produktion und der Verbrauch
von Energie
- Die Funktion der inneren Organe:
Herz-, Lungen-, Leber-, Nieren und Darmfunktionen etc.
- Die Verteilung der Flüssigkeiten
im Körper: Blut-, Lymphkreislauf-
- Alle Wahrnehmungsprozesse durch
die Sinne
- Alle Aktivitäten des Lebens:
Schlafen, Essen, Ausscheiden, Sprechen etc.
- Selbstwahrnehmung und Selbstbewusstsein
- Soziale Interaktionen
Je besser ein Mensch in der Lage
ist, seine Bewegungsfähigkeiten zu erweitern und anzupassen, um so grösser
ist das Potential für seine Gesundheitsentwicklung.
Pflege und Bewegung
Diese Erkenntnisse über die Grundlagen
der Gesundheitsentwicklung sind für die professionelle Pflege sehr wichtig.
Pflegende sind hauptsächlich damit beschäftigt, Menschen in ihren Aktivitäten
des täglichen Lebens zu unterstützen. Gemeint sind Essen, Trinken, Ausscheiden
und vor allem auch die Fortbewegungsaktivitäten. Das direkte pflegerische
Tun soll dem betroffenen Menschen helfen, gesünder zu werden und/oder
bessere Lebensqualität zu haben. Die pflegerische Handlung beinhaltet
immer Bewegungsunterstützung. Die Qualität der Bewegungsunterstützung
ist massgebend. Die pflegerische Kernkompetenz in diesem Zusammenhang
kann wie folgt beschrieben werden:
"Pflegende sind in der Lage,
die alltäglichen menschlichen Funktionen (Fortbewegung oder Bewegung an
Ort) so zu unterstützen oder zu übernehmen, dass die betroffene Person
über die Selbstkontrolle des Geschehens verfügt, d. h. die eigene Bewegungskompetenz
einsetzen und wahrnehmen kann".
Die Umsetzung dieser pflegerischen
Kernkompetenz in jeder Pflegehandlung bedingt Fähigkeiten auf folgende
Ebenen:
Interaktion
Pflegende sind in der Lage, die Bewegungsanleitung so zu gestalten, dass
der betroffene Mensch aktiv an seiner eigenen Handlung und Tätigkeit teilnehmen
kann.
Funktionsverständnis
Pflegende kennen die Funktionsweise des menschlichen Körpers anhand
der eigenen Funktion. Sie können einen Menschen in der Bewegung so
anleiten, wie dieser es selbst tun würde. Sie heben den Patienten nicht.
Umgebungsgestaltung
Pflegende kennen den Einfluss der Umgebung auf die menschliche Funktion
und Interaktion. Sie gestalten die Umgebung der Patienten funktionsunterstützend
und bewegungsfördernd.
Das Handlungskonzept Kinästhetik ist das einzige bekannte Konzept, welches
Pflegenden hilft, die Fähigkeiten auf diesen drei Ebenen umfassend und
zu erlernen.
Kinästhetik in der Pflege
Kinästhetik wurde von Dr. Lenny
Maietta und Dr. Frank Hatch begründet. Der Name ist die deutsche Form
des englischen Begriffs Kinaesthetics, welcher aus der Kombination der
Wörter kinetic (den Bewegungssinn betreffend) und ästetic
(durch die Sinne wahrgenommen) gebildet wurde.Dr. Lenny Maietta ist klinische
Psychologin und hat in ihrer Doktorarbeit den Einfluss der Berührungs-
und Bewegungsfähigkeiten der Eltern im Umgang mit ihren Babys untersucht.
Dr. Frank Hatch hat Modern Dance studiert und arbeitete als Choreograph
an mehreren Universitäten in den USA. Er promovierte in Verhaltenskybernetik
(Systemtheorie).
Die Ideen der Kinästhetik sind neben
der Arbeit von Maietta und Hatch vor allem beeinflusst durch die Arbeit
von Moshe Feldenkrais, Erkenntnisse der Verhaltenskybernetik und der humanistischen
Psychologie.
Kinästhetik als Handlungskonzept
für die Pflege
Die Grundlagen des Handlungskonzeptes der Kinästhetik in der Pflege beruhen
darauf, Verhaltens- und Bewegungsmuster zu lernen, welche die Gesundheit
unterstützen. Diese Ideen gelten sowohl für die Pflegenden wie auch für
den gepflegten Menschen.Pflegende lernen Grundsätze, welche es ihnen ermöglichen,
die eigene Bewegung und den eigenen Körper zur gezielten Unterstützung
und Führung der Bewegung des Patienten zu nutzen. Der Patient erlebt sich
in der Pflegehandlung wirksam und kann den Bewegungsablauf selbst kontrollieren.
Dadurch wird er in der Erhaltung und Entwicklung der Grundlegenden menschlichen
Funktion unterstützt.
Pflege als professionelles Helfen
Der Begriff "Helfen" wird in der Pflege im Zusammenhang mit
dem sogenannten "Helfersyndrom" viel diskutiert. Durch die aktive Gestaltung
der Selbstkontrolle des Patienten erhält "Helfen" eine neue professionelle
Bedeutung. Pflegende lernen, jede pflegerische Tätigkeit so zu gestalten,
dass sie diese zusammen mit dem Patienten ausführen. Die Pflegenden heben
den Patienten nicht aus dem Stuhl. Sie lernen vielmehr den Transfer so
zu gestalten, dass die anatomischen Strukturen so eingesetzt werden, wie
es der Patient selbst tun würde. Sie setzen ihre kommunikativen Fähigkeiten
durch Berührung und Bewegung so ein, dass die Ressourcen und Gegebenheiten
des Patienten optimal zu berücksichtigt und unterstützt sind.
Wie wird Kinästhetik vermittelt
Kinästhetik in der Pflege ist weder eine Technik noch schnell erlernbar.
Es handelt sich dabei vielmehr um ein kreatives Handlungskonzept zur Gestaltung
der pflegerischen Interaktion mit Patienten. Aus diesem Grunde muss das
Erwerben und Vermitteln der kinästhetischen Fähigkeiten als individueller
Lern- und Entwicklungsprozess und nicht als einmaliges Erlernen von Pflegetechniken
verstanden werden. Pflege ist ein Beruf, der direkte körperliche
Aktionen erfordert. Um diese Aktionen gesundheitsfördernd auszuführen,
genügt es nicht, nur die Sinnessysteme zu entwickeln, die beim herkömmlichen
Lernen im Mittelpunkt stehen (Sehsinn, Hörsinn). Auch die Sinnessysteme,
die Informationen über Berührung und Bewegung vermitteln, benötigen
die gleiche Beachtung. Deshalb werden in den Kinästhetikkursen die Bewegungsmuster
an der eigenen Person, an anderen KursteilnehmerInnen und später,
in der Praxisanleitung, zusammen mit den Pflegeempfängern erlernt
und erfahren.
Adresse des
Autors:
Stefan Knobel
Haslenstrasse 20
CH-8862 Schübelbach
Tel (+41)55 440 59 37
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